19.09.2019 | Blog, Im Interview, Engineering

Digital Engineering: Ein- und Ausblicke


Das Thema Digitalisierung ist in aller Munde – auch im Bereich Engineering. Der digitale Wandel erfasst die Ingenieur-Branche mit dem Begriff „Digital Engineering“, soll die Konstruktionsarbeit vereinfachen und eine Beschleunigung der eigentlichen Projektarbeiten in der 3D-Konstruktion erwirken. Das führt allerdings auch zu einer Verschiebung des Anforderungsprofiles an Konstrukteure: Die Felder Mechanik, Elektronik und Software verknüpfen sich immer mehr und verwandeln den modernen Konstrukteur zum Generalisten – als Faktor in der Produktionsplanung sowie Koordinator oder sogar Projektmanager.

Doch wie gestaltet sich die Umsetzung des Digital Engineerings nun in den Unternehmen tatsächlich? Dieser Frage ging unser IMA-Personal-Bereichsleiter DI (FH) Wolfgang Dreu nach und bat diesbezüglich den Geschäftsführer der Westcam Datentechnik Markus Ebster zum Gespräch. Die Westcam Datentechnik GmbH ist spezialisiert auf die Realisierung der digitalen Prozesskette und begleitet Betriebe beim Vernetzen von digitalen Werkzeugen sowie im Datenmanagement.

 

Dreu: Aus unserer Tätigkeit und unseren Kontakten mit verschiedenen Betrieben im Konstruktionsumfeld ergibt sich mir noch kein schlüssiges Bild. Ich habe den Eindruck, manche Firmen verharren noch im Gleichteile-Management und beschäftigen sich noch nicht mit dem „digitalen Zwilling“. Gibt es für dich derzeit zumindest einen gemeinsamen Nenner einer etablierten neuen Herangehensweise für ALLE?

 

Ebster: Da hast du nicht ganz unrecht, denn die Veränderungen laufen teils zäh. Alle reden von den neuen technischen Errungenschaften, aber die Umsetzung der neuen Möglichkeiten lassen noch auf sich warten. Aus meiner Sicht gibt es jedoch schon ein Mega-Thema, bei dem alle ihre Hausaufgaben machen (müssen), nämlich beim Datenmanagement. Dieser Bereich beschäftigt viele Konstruktionsabteilungen. Denn durch das Zuwarten in der Vergangenheit laufen diese Entwicklungen nun teils kundengetrieben ab. Der Druck steigt, den Datenmanagement-Prozess durchgängig zu leben. Ein einfaches Beispiel: Es wird schlichtweg nicht mehr hingenommen, dass Fehler aufgrund nicht durchgängiger Freigabeprozesse auftreten.

 

Dreu: Inwiefern verändern leistungsstarke CAD-Programme das Konstruieren generell?

Ebster: Hier stehen gewaltige Veränderungen an. Nicht aufzuhalten ist eine neue Denkweise aufgrund der vielen Möglichkeiten mit den Programmen. Neuentwicklungen holen den User bereits in der „abstrakten Knetphase“ ab und schlagen für Basisfunktionen Lösungen vor. Bisher wurde CAD praktisch als digitales Reißbrett betrachtet – 3D hin oder her. Die Ideenfindung zur Lösung findet aber im Engineering nicht mehr ausschließlich im Kopf des Ingenieurs statt. Vielmehr werden durch abstrakte Eingaben mechanischer Funktionen ins CAD Vorschläge zu technischen Lösungen generiert.

Das Ganze läuft in weiterer Folge automatisch mit CAD-Algorithmen ab und wird mittels FEM-Simulation in iterativen Schritten optimiert. Zusätzlich wird durch Wählen eines Produktionsverfahrens das Bauteil auch noch fertigungstechnisch optimiert. Das bedeutet: Ich definiere, ob es klassische Bohrungen und Radien geben wird oder erhöhte Gestaltungsfreiräume durch additive Fertigungsverfahren möglich sind – das Programm liefert.


Dreu: Sind solche komplexen Aufgaben mit einer 1-Software-Strategie möglich?

Ebster: Hier sind wir beim nächsten wichtigen Punkt. Es ist spürbar, dass sich bei den dynamischen Betrieben die Präferenz auf lediglich einen Hersteller auflöst. Man wird zunehmend offener, sich die jeweils besten Tools in seine „digitale Werkzeugkiste“ zu legen. Ich habe zwar eine Basis CAD-Software, hole mir aber das beste und schnellste Tool zusätzlich ins Haus. Das Ergebnis steht im Vordergrund – das Tool ist nur Mittel zum Zweck und wird rasch getauscht.

 


Dreu: Kannst du mir ein Beispiel geben? Und wie wird man überhaupt schnell fit auf der neuen Software?

Ebster: Im CAD-Bereich gibt es beispielsweise Cloud-Berechnungen, die 100-fach schneller sind als jene der Basis-Software. Insbesondere die jüngere Generation nimmt dieses Tool unvoreingenommen zur Hand und eignet sich die Funktionen per Video und Foren an. Es geht um das „Klavierspielen mit unterschiedlichen Möglichkeiten“. Die Abteilung hat im konkreten Beispiel die Wahl: Mit der Cloud-Berechnung drei Design-Varianten innerhalb eines Tages, oder mit der angestammten Software eine Variante in drei Tagen. Das bringt ungeahnte Möglichkeiten und erhöht die Dynamik im Entwicklungsprozess.

 

Dreu: Klingt verlockend, aber birgt eventuell organisatorische Herausforderungen. Wie kann man das Unorthodoxe als Betrieb leben lernen?

Ebster: Die Führungskraft ist gefordert, die positiven Kräfte erfahrener Praktiker einerseits und unvoreingenommener junger Techniker anderseits zur Entfaltung zu bringen. Bewährt hat sich bei uns eine junge Truppe mit Freiraum, welche die Abstimmung wechselseitig sucht. Ein enges und dynamisch-agiles Miteinander im Team ist hier aber nötig. Das bedeutet in puncto Führungskultur: Die Entwicklung der MitarbeiterInnen unterstützen und fördern, Freiräume zulassen, die Eigenverantwortung stärken und eine moderne Fehlerkultur zulassen und leben.

 

Dreu: Wie werden junge Techniker im Schulsystem auf diese Erfordernisse vorbereitet?

Ebster: Das Schulsystem deckt die Basis ab – ich erkenne teilweise gute Trends. Die tatsächliche Prägung all dieser neuen Herangehensweisen wird aber meiner Meinung nach erst innerbetrieblich und spezifisch stattfinden können.

 

Dreu: Wie gestaltet sich die Rolle von Westcam Datentechnik in diesen Prozessen?

Ebster: Wir möchten unsere Kunden dabei unterstützen, ihre Produktivität zu steigern, indem wir ihnen Verantwortung abnehmen und sie so für ihre Kernkompetenzen freispielen. Dafür bieten wir Komplettpakete an – von der temporären Vermietung von Anlagen, über das Betreiben und Aufsetzen der Anlagen bis hin zur Schulung der Mitarbeiter auf ein nötiges Level, um die Dinge stabil am Laufen zu halten. Der Fokus liegt auf den technischen Dienstleistungen – der Kunde wird entlastet und kann sich auf die Kernaufgaben konzentrieren.

 

Dreu: Ich danke für die interessanten Einblicke.



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